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Herr der Ringe

Gute Nacht!

Ich gebe alles zu! Ich habe das Buch von Tolkien nicht gelesen und überhaupt haben mich Fantasy-Geschichten nie besonders interessiert. Ich bin also vermutlich nicht die rechte Person, um das Spiel Herr der Ringe zu beurteilen.

Wie dem auch sei: Das Spiel ist im letzten Herbst erschienen und ist etwa so umstritten, wie sein Autor es seit eh und je ist. Reiner Knizia ist nämlich einer der erfolgreichsten Spieleautoren. Dennoch geniesst er in der Spieleszene einen zwiespältigen Ruf. Während die einen in ihm ein absolutes Genie sehen, möchten andere ihn am liebsten auf den Mond schiessen. So ist denn bislang noch keines seiner Spiele mit dem begehrten Titel „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Hartes Urteil

Etwa gleich ergeht es Knizias Spiel zum Thema des Literaturklassikers Herr der Ringe. Manche sind begeistert, andere sprechen ihm schlicht und einfach den Status „Spiel“ ab. Dieses Urteil halte ich für allzu hart, denn es wird durchaus gespielt, wenn Herr der Ringe auf den Tisch kommt. Aber so ein richtig tolles Gefühl kommt schon nicht auf.

Zuerst muss wohl erwähnt sein, dass Herr der Ringe ein kooperatives Spiel ist. Das heisst: Die Spielerinnen und Spieler stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern versuchen, miteinander ein Ziel zu erreichen. Entweder gewinnen alle, oder es verlieren alle. Dieses System kommt sonst fast nur bei Spielen für kleine Kinder zur Anwendung. Und es ist an sich schön, dass es für einmal auch für bei einem Spiel für Jugendliche und Erwachsene benützt wird.

Für alle, die das Buch gelesen haben, ist das Spielziel wohl klar: Die Spielerinnen und Spieler müssen als Hobbits Saurons Ring in den Krater des Schicksalsbergs werfen und damit Saurons Macht unterbinden. Die Guten kämpfen also gegen das Böse.

Im Spiel funktioniert das folgendermassen: Auf einem Hauptspielplan sieht man immer, wo sich die Gruppe der Hobbits gerade aufhält: In Beutelsend, wo die Reise startet, in Bruchtal oder Moria bis hin nach Mordor. Ebenfalls auf diesem Plan stehen die Hobbitsfiguren der Mitspielenden der Figur des Sauron gegenüber. Sie kommen einander immer näher. Und sobald Sauron und die Figur des momentanen Ringträgers auf dem selben Feld stehen, ist das Spiel zu Ende.

Doch das geht hoffentlich nicht so schnell! Zuerst gehen die Hobbits von Ort zu Ort und befolgen die Anweisungen, die dort auf dem Spielplan stehen. Da stehen so aufregende Dinge wie: „Der Ringträger kann würfeln, um 4 Hobbitkarten zu ziehen und zu verteilen.“ Oder: „Bruchtal Sonderkarten verteilen.“

Und in manchen Orten wird das Spiel dann auf einen Nebenspielplan verlegt. Hier erleben sie dann die wirklichen Abenteuer. Durch Aufdecken von Kärtchen erhalten sie Kartonchips mit Schildern, Ringen, Herzen oder Sonnen, die sie bei Gelegenheit wieder abgeben müssen. Und die Abenteuer lesen sich etwa folgendermassen: „Wenn der erste Teil der Aktionsleiste Reise vollendet ist, erhält jeder Spieler eine Hobbitkarte, sonst kommt Sauron auf dem Hauptplan zwei Schritte entgegen.“

Tja, bei soviel Action vergeht die Zeit natürlich im Flug und plötzlich stehen die Hobbits auf dem Schicksalsberg und können den Ring endlich loswerden. Oder auch nicht: Die Chance, dass Sauron sie vorher erwischt, ist nämlich ziemlich gross. Und insbesondere ist es in erster Linie eine Frage des Glücks und nicht etwa der guten Zusammenarbeit der Mitspielenden.

Was gibt es zu dem Spiel sonst noch zu sagen? Ganz sicher taugt es nicht, einem Banausen wie mir die Welt von Mittelerde näher zu bringen. Im Gegenteil: Wenn das Buch so spannend ist wie das Spiel, dann gute Nacht!

 

Text: Vinzenz Berger

Berner Woche, 23.5.2001


vergriffen Herr der Ringe (Neuauflage) von Reiner Knizia (Kosmos), für 2-5 Spieler, ab 12 Jahren, Spieldauer ca. 60-90 Min - SFr 39.90
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